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Schweineblut

»Trisomie 21.«

»Aha.« Frank Borsch sah den Gerichtsmediziner fragend an.

»Okay, Borsch, für Bullen: Down-Syndrom. Eine mongoloide Frau. Die Tote war nicht älter als zwanzig.«

»Woran siehst du das? Das Gesicht ist fast völlig weg.«

»Guck dir ihre Füße an.« Richard Leenders hob das Laken an.

Ecki drehte sich weg. Er ertrug Obduktionen nicht. Sein Schlüsselerlebnis lag zwar schon Jahre zurück, aber seither mied er die Pathologie wie der Teufel das Weihwasser. Damals hatte er eine Leiche von einem Dachbalken geschnitten. Als er sie abnahm, hatte sie ihn förmlich angerülpst, als der Rest Luft aus ihrem Brustkorb endlich entweichen konnte. 

Frank sah ungerührt auf die Füße. »Ich sehe nichts.«

»Hier, der deutliche Abstand zwischen der ersten und zweiten Zehe. Die typische Sandalenlücke. Und«, Leenders deutete auf den Kopf der Toten, »die geschrägten Lidachsen.«

»Und das ist typisch, ja?« fragte Ecki aus gebührendem Abstand. Er wünschte sich einen Kopfhörer auf seinen Ohren mit Helene Fischer und »morgen küss ich dich wach«, seine absolute Lieblingsnummer im Augenblick.

Leenders, wegen seiner eigenen Art mit Toten umzugehen, in Polizeikreisen auch Mad Doc genannt, schmunzelte. »Kannst ruhig näher kommen. Aufsägen tue ich sie später. Ich wette, dass ich später noch einen Atriumseptumdefekt, sprich: einen Herzfehler finde, verengte Atemwege, Zöliakie, irgendwas in der Art.«

»Irrtum ausgeschlossen?«

»Ich würde meinen Arsch darauf verwetten, dass unser Mädchen mongoloid war.« Der Pathologe klang fast fröhlich, die Autopsie versprach interessant zu werden.

Fehlt jetzt nur noch, dass er ihr die Wange tätschelt, dachte Frank.

»Lass gut sein, Leenders, der Bericht reicht mir.« Frank wollte seine Freund und Kollegen Ecki erlösen. Den Rest würde ihnen Carolina berichten, die bisher still im Hintergrund gestanden hatte.

»Also keine Sportlerin?«

Leenders schüttelte den Kopf und deckte die Leiche ab. Der Körper war eine einzige großflächige Brandverletzung. »Zur Sicherheit mache ich selbstverständlich noch eine Analyse der Chromosomen.«

Frank sah die Oberstaatsanwältin fragend an.

Carolina Guttat nickte kaum merklich.

»Komm, Ecki, wir fahren.« Frank zog seinen Freund am Ärmel.

Ohne einen Blick auf die Tote zu werfen, folgte Michael Eckers Frank. Dankbar nickte er im Vorbeigehen der Sachbearbeiterin für Kapitaldelikte zu.

»Eckers?«

Ecki drehte sich zu Leenders um.

»Soll ich dir den Blutdruck messen? Du bist ja ganz weiß um die Nase.« Leenders lachte meckernd.

»Arschloch«, brummte der Kriminalhauptkommissar des KK 11 der Mönchengladbacher olizei.

»Nichts für ungut, Eckers. Nichts für ungut.« Lachend griff der Pathologe zu einem Skalpell, um einem ersten Schnitt zu machen. »Aber du solltest dir das ansehen. Wirklich eine höchst interessante Angelegenheit. Wirklich.«

»Können wir endlich anfangen?«

»Selbstverständlich, Frau Staatsanwältin. Frauen sind einfach robuster. Ich sage es ja immer.« Leenders nickte selbstzufrieden.

Und du bist ein Dummschwätzer, dachte Carolina Guttat und wünschte sich, in einer Wolke aus Zigarettenqualm verschwinden zu können.

 

»Wer schießt auf eine mongoloide junge Frau?« Ecki wartete die Antwort nicht ab, sondern öffnete das Handschuhfach. »Mist. Ich habe meine CDs vergessen.«

Gott sei Dank, dachte Frank. So blieb ihm auf der Rückfahrt zum Präsidium die unsägliche WDR4-Musik erspart, die Ecki so sehr liebte. Mehr noch als seine Hefeteilchen, auf die er niemals freiwillig verzichten würde, vor allem, wenn sie frisch waren. »Vielleicht war es ein Unfall?«

»Zwei Schüsse? Nee.« Michael Eckers drehte sich um. Aber auch auf dem Rücksitz lagen seine CDs nicht. Wenn sie nicht gerade an einem Stahltisch samt Leiche gestanden hätten, er wäre fast versucht gewesen, vergnügt zu pfeifen.

Frank zog die Stirn kraus. »Stimmt auch wieder.«

»Mist.«

»Gräme dich nicht, Ecki. Ich habe genug Musik dabei. Aber nicht so´n klebriges Zeugs«, meinte Frank gönnerhaft.

»Eben.« Ecki Eckers verzog missmutig den Mund.

»Wie wäre es mit Bluesrock von Oli Brown?« Frank hatte schon den Finger auf der Startaste des CD-Players liegen, den sie in ihren Dienst-Mondeo hatten einbauen lassen.

Illegal eingebaut, wie Horst Laumen aus der Verwaltung bei jeder Gelegenheit immer wieder und genauso vergeblich betonte. Bislang waren alle seine Versuche gescheitert, den CD-Player einzukassieren. Aber Frank und Ecki wussten, einer wie Horst Laumen gab niemals auf. Deshalb waren sie stets auf der Hut vor dessen verwaltungsbürokratischtechnischen Schachzügen. Wie gesagt, bisher mit Erfolg.

»Oli P. wäre mir deutlich lieber.«, knurrte Ecki.

Als Antwort drehte Frank den Lautsprecher auf: Psycho, das erste Stück der neuen CD. Wie passend dachte Frank.

»Muss das so laut sein?« Ecki verdrehte die Augen.

»Es gibt ein Leben jenseits der Jacob Sisters.«

»Was soll das denn heißen?« Eckers hatte Mühe die Lautstärke zu übertönen.