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Totenstimmung

Carolina Guttat schloss die Augen.

Die Sonne war noch blass und das Ruderboot nur ein dunkler Fleck in der Mitte des Sees. Sie saß mit nackten Füßen auf ihrer Lieblingsbank. Die abschüssige Wildblumenwiese reichte bis zum Rottachsee. Feiner Nebel lag auf dem Wasser. Es war still. Zwei Schwäne zogen mit schwerem Flügelschlag dicht über der Wasserlinie durch das Bild. Sie nahmen Carolinas Blick mit nach Petersthal, auf die andere Seite des Wasserspeichers.

Sie sah auf den hellen Kirchturm. Er erinnerte sie an das dunkle Wohnzimmer ihrer Eltern. Dort hatte ein ähnliches Bild gehangen: Eine Kirche mit Zwiebelturm und rote Hausdächer inmitten sanfter Wiesen und Wälder. Carolina Guttat ahnte in der Ferne die schroffe Flanke des Grünten.

Eine Spielzeug-Landschaft.

Ihr Verstand hatte genug. Er ließ sich nicht länger von den inständig herauf beschworenen Bildern täuschen. Er wollte sich stattdessen viel lieber mit dem Anblick auf dem Edelstahltisch beschäftigen, dem sie hatte entkommen wollen.

Ihr Verstand zog einen tiefen Schnitt durch ihren Traum. Mit einem langgezogenen Seufzer ergab sich Carolina Guttat. Als sie die Augen öffnete, war ihr Spielzeug kaputt.

»Ich verstehe das nicht.« Sie zwang sich, ausschließlich Kriminalhauptkommissar Michael Ecki Eckers anzusehen.

»Mich darfst du nicht fragen.«

Die Staatsanwältin wandte sich ab. »Scheiße.«

Er beobachtete, wie die hoch gewachsene und kantige Juristin schwerfällig den Raum verließ.

Nun war der Kommissar mit ihr allein. Die eingeblendeten Werte und Kurven auf den Displays der Maschinen machten ihn ratlos. Die leisen Piep-Töne klangen lakonisch und folgten einem eigenen Rhythmus.

Kopf und Hals der Frau waren bandagiert. Ihr Körper war unter dem Oberbett kaum zu erkennen.

Sie wird die Nacht nicht überleben, dachte Kriminalhauptkommissar Michael Ecki Eckers.